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Das werde ich häufig gefragt
Verliert man in Brüssel nicht die
"Bodenhaftung", also das Gefühl für die Probleme der Menschen in
Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, Ihrer Region? Elisabeth Schroedter: Aus
den Erfahrungen der letzten Jahre weiß ich, dass es möglich ist, eine
Brücke zwischen der scheinbar fernen europäischen Politikebene und den
Menschen in meiner Region zu bauen. Die meisten Entscheidungen, an
denen wir Europaabgeordneten beteiligt sind, sind Gesetze und wirken
sich direkt auf das Leben der Menschen aus. Dazu gehören Regeln zur
Grundversorgung genauso wie die Verordnungen für die Fördermittel. Wenn
ich daran mitschreibe, ist es mir wichtig, die Lebenserfahrungen der
Menschen aus meiner Region mit einfließen zu lassen.
Wie wird man Europaabgeordnete?
Elisabeth Schroedter: Als ich das erste Mal gefragt wurde, war es
die Unterstützung von Freunden, die mich dazu brachte, „Ja“ zu sagen.
Als Ostdeutsche waren mir die Diskussionen der europäischen Ebene kaum
bekannt. Aber ich habe bald gemerkt, dort ist es wie überall in der
Politik. Man braucht klare Vorstellungen darüber, was man verändern
will und Courage und viel Geduld, um die eigenen Ziele durchzubringen. Gewählt
werden kann man als Abgeordnete nur, wenn man von einer Partei als
Kandidatin aufgestellt wird. Ich bekam 2009 auf dem Wahlparteitag der
Bündnisgrünen Platz 13 der Liste. Mit 12,1 Prozent konnten die
Bündnisgrünen 14 der 99 Plätze erringen, die Deutschland im
Europäischen Parlament besetzen darf.
Das europäische Parlament ist doch nur eine Quasselbude. Was können sie wirklich entscheiden? Elisabeth Schroedter: Das
Europäische Parlament hat in den Vertragsreformen und vor allem jetzt
im Lissabonner Vertrag mehr Macht bekommen. Es ist wenig bekannt, dass
wir bereits jetzt in den meisten Gesetzen diejenigen sind, die
korrigieren, wenn die Staats- und Regierungschefs auf ihren
Gipfeltreffen bürgerferne Beschlüsse fassen oder die Kommission mit
ihren Vorschlägen die Interessen der Menschen missachtet.
Was ist Ihr Wahlgebiet? Elisabeth Schroedter: Formal
die ganze Bundesrepublik. Ich bin jedoch für die Wahlliste von den
Bündnisgrünen in Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
nominiert worden. Diesen Vertrauensvorschuss gebe ich deshalb besonders
an diese Region zurück.
Wo sitzen Sie eigentlich? In Brüssel oder in Strasbourg? Elisabeth Schroedter: Beide
Orte sind Arbeitsorte des Europäischen Parlaments. Zur großen
Plenumswoche, die in der Regel einmal im Monat stattfindet, tagen wir
in Straßburg. Die Ausschusssitzungen und Fraktionssitzungen, die die
restlichen drei Wochen eines Monats ausmachen, finden in Brüssel statt.
Was ist Ihr Arbeitsschwerpunkt? Elisabeth Schroedter: Ich
habe mich in dieser Legislaturperiode wieder für den Sozialausschuss
und den Regionalausschuss entschieden. Ich bin eine Verfechterin
gemeinsamer sozialer Mindeststandards in der EU, da nur so dem
schleichenden Sozialdumping begegnet werden kann. Als neu gewählte
Vizepräsidentin des Sozialausschusses werde ich mich hier mit meinem
gewachsenen Einflussmöglichkeiten einbringen. Im Regionalausschuss
stehen Veränderungen der Strukturförderung auf der Tagesordnung. Die
Reform der Förderregeln wird in den nächsten Jahren auch von uns
mitbestimmt. Gerade dabei werden die Erfahrungen aus meiner Region eine
Rolle spielen.
Und was tun Sie für die Menschen in Ihrem Wahlgebiet? Elisabeth Schroedter: Es
ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Entscheidungen in Brüssel
sich nicht gegen sie richten. Die Förderung der polnischen
Nachbarregionen darf nicht dazu führen, dass die gerade in Brandenburg
oder Mecklenburg-Vorpommern angesiedelten Unternehmen abwandern. Ich
denke an die Möglichkeit, EU-Höchstförderung mit Auflagen zu verbinden.
Oft erlebe ich, dass der Geldsegen aus Brüssel als Verfügungsmasse
einzelner Minister verstanden wird. Ich will erreichen, dass mit
EU-Geldern in erster Linie innovative Projekte gefördert werden,
nachhaltige Beschäftigung gesichert wird und Frauen müssen den
gleichberechtigten Zugang zu den Geldern haben. Am meisten ärgere ich
mich darüber, wenn durch die EU-Fördermittel Projekte unterstützt
werden, welche nicht mit den EU-Klimazielen im Einklang stehen (mehr –
PM zu Strukturfonds). Ich sehe meine Aufgabe auch darin, solche
Missstände aufzudecken.
Werden denn die europäischen Gelder nicht immer entsprechend verwendet? Elisabeth Schroedter: Nein,
leider nicht. Aber das muss sich ändern. Da bleibe ich hartnäckig.
Gerade wir im Europäischen Parlament haben viel Kraft investiert, um
brauchbare Förderbedingungen zu schaffen, die breit genug sind, um
innovativen Ideen genug Spielraum zu geben. Sie sind dazu geeignet,
Menschen oder ganze Regionen aus ihrer Armut herauszuholen,
vorausgesetzt, diese Spielräume werden auch genutzt.
Wie erfahren Sie, ob diese Förderbedingungen wirklich brauchbar sind? Elisabeth Schroedter: Aus
den vielen Besuchen bei lokalen Projekten. Ich nehme jedes Mal einen
Sack Probleme, aber auch eine ganze Menge Erfahrungen mit. Trotz der
wenigen Zeit, die dafür bleibt, gehören für mich diese Besuche vor Ort
zum schönsten Teil meiner Abgeordnetentätigkeit.
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